(usch) Todtraurig stimmte das Aufeinandertreffen von Terrorist und Opfersohn – Boock und Buback hatten sich nicht wirklich viel zu sagen und wirkten eher wie ein Brüderpaar, denen die gemeinsame Vergangenheit die Zukunft verdorben hat.
Boocks Beweggrund für die Fortsetzung des Klassenkampfes mit anderen Mitteln war damals auch ein rechtstaatliches System, das nicht Integrierten Angriffsflächen bot. Es gab für den, der hinter die Kulissen blicken wollte, immer mehr Fragen als Antworten und vieles blieb ungeklärt, was Distanz nährte. Aus Distanz wurde Misstrauen, aus Misstrauen Ablehnung, aus Ablehnung Abneigung und aus Abneigung Hass, der sich in “Aktionen” gegen Mandatsträger des Systems entlud.
Deshalb ist Mord im Terrorismus kein politisch motiviertes Handeln, sondern ein Verbrechen wie jedes andere auch – nicht schlimmer, aber auch nicht entschuldbarer als andere Morde.
Terrorismus ist ein Angriff auf unser demokratisches System? Schon, aber man muss dem Geist der Zeit zugute halten, dass viele nicht einverstanden waren mit dem Weg, den der Staat seinen Kindern vorschrieb. Man musste nicht morden, um sich diesem Staat in den Weg zu stellen – es gab auch andere Wege, wie die Kommune 1 bewies, aber der Wunsch nach dem Aufbau einer nicht verspießerten Gegengesellschaft einte irgendwie alle Protestler. Damals das Wort “Sympathisant” etwa ganz Schlimmes – warum eigentlich? Jeder, der nur in die gedankliche Nähe eines Subversiblen kam, war gefährlich. Es galt “Vorsicht vor dem Flächenbrand!” Bloß nicht den Protest auf eine breite Basis stellen, lieber gleich alle und jeden als “Täter” ausrufen…
Die Gesellschaft hat sich geändert, Friede, Freude und der Eierkuchen sind endlich in ein geeintes Deutschland eingezogen, in dem die Jugend mittlerweile ganz andere Sorgen hat, als die Sympathisanten der 70er.
Schade nur, dass gegen die gesellschaflichen Ursachen für die Amoklauf- und Kinderschänder-Bewegung nicht mit ebenso eiserner Faust angegangen wird, wie man gegen die RAF zu Felde zog. Merke: Es geht damals wie heute darum, den Staat zu schützen, nicht seine Bürger.
Was bleibt, ist die Unfähigkeit des Staates und seiner Systeme, eindeutig und transparent die damalige Rolle zu definieren, denn noch immer gefällt man sich in der Rolle des selbstgerechten Demokraten.
Die Fragen, wie Waffen nach Stammheim hinein und Kommandobefehle an die Operativen draußen gehen konnten ist weiterhin ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der Identität des Buback-Todesschützen. Der Staat schützt sein System und nicht in Persona seine Bürger. Das war in den 70ern so und das ist auch noch heute so. Die RAF hat eins geschafft: Sie hat dem Staat die Argumente geliefert, um einen Verteidigungsapparat aufzubauen, den man immer wollte, den man aber nicht haben durfte, weil ja alles so schön friedlich war.
Bubacks Sohn muss den Tod eines Angehörigen aufarbeiten – wie viele andere auch. Schwierig macht es ihm ein System, für das sein Vater gestorben ist, und das ist das eigentlich Obszöne an der aktuellen Diskussion. Bubacks Sohn verlangt, dass die Geschichte neu aufgearbeitet wird und sitzt dabei mit einem der führenden Terroristen der 2. Generation an einem Tisch. Das macht vielen für die Politik von damals und heute Verantwortlichen Angst, weil die über manche Sachen einfach nicht mehr reden möchten.